08. November 2016

Mach mal Coach!
Über das Delegieren von Führungsverantwortung


„In unserem Team ist eine große Unruhe und Unzufriedenheit. Wir brauchen da Unterstützung von Außen“ ist die erste Einschätzung der Teamleiterin. Ich möchte von ihr wissen, für wen „Unruhe und Unzufriedenheit“ in erster Linie ein Problem ist und wer sonst noch diese Einschätzung teilt. Für Frau S. ist klar, dass alle die Auswirkungen spüren. (Auswirkungen, denke ich mir, wovon?) Und dass sie ständig ein Auge darauf haben muss, dass wichtige Aufgaben nicht einfach liegenbleiben. Dadurch käme sie gar nicht dazu, ihren eigenen Job zu machen. 

Ok, ein bisschen viel für mich für den Anfang. Obwohl ich bisher wenig verstanden habe. Aber mir geht es auch nicht in erster Linie darum, die Probleme von Frau S. zu verstehen. Viel interessanter finde ich es herauszufinden, wie sie ihre Probleme konstruiert – und welche Konsequenzen das hat für sie und ihre Umwelt. Problem-Konstrukteure erschaffen sich nämlich nicht nur ihre eigenen Schwierigkeiten. Je länger sie damit beschäftigt sind, desto intensive strahlen sie in ihre Umgebung. Letztlich entsteht ein ganzes Problem-System. Die Folge: Die Ursachen dafür werden mehr und mehr ins „Außen“ verlagert. Und dort wird dann auch die Lösung gesucht. Entweder bei den Mitarbeitern oder zum Beispiel bei einem Coach. 

Frau S. wünscht sich von mir eine Team-Supervision. Die Veränderungen im Praxisablauf werden nur von einem Teil der Mannschaft getragen. Einige Mitarbeiterinnen, darunter auch langjährige Fachkräfte, scheinen die Optimierungen auszubremsen. Das führt zu immer wieder neuen Reibereien innerhalb des Teams. Einerseits schätzt Frau S. die gute Arbeit der „alten Hasen“. Andererseits ist sie nicht bereit, die Alleingänge dauerhaft zu dulden. Diesen Gedanken des „Nur gemeinsam sind wir stark“ möchte sie nun in der Supervision noch einmal deutlich betonen.

Um es kurz zu machen:

Ich habe mich bei Frau S. für das Vertrauen bedankt, das sie in mich gesetzt hat. Und den Auftrag abgelehnt. Nicht ohne ihr meinen Grund dafür mitzuteilen. Eine Team-Supervision oder ein Team-Coaching sind für mich Ergänzungsleistungen, also ein Add-on. Sie dürfen aber keine Führungsaufgaben ersetzen. Schlimmstenfalls wird damit die Autorität der Führungskraft mehr und mehr ausgehöhlt. Das führt wiederum zu Akzeptanzproblemen. Ein neuer Auftrag an den Coach könnte sich anschließen. Gut für's Geschäft, Pech für die Organisation. Wenn eine Vorgesetzte 

  • eigene Ambivalenzen zu anstehenden Veränderungen mit sich herum trägt
  • das Einhalten von Strukturen fordert und selbst keine hat
  • kritische Personalgespräche scheut
  • Teamdynamiken nicht erkennen kann

dann sind das keine Themen, die über einen Coach in der Team-Supervision angegangen werden können. Hier gehört der Vorgesetzte auf's Feld. Das mag unbequem klingen. Aber auch in der Profi-Liga spielen die Kapitäne selbst und fragen nicht nur den Coach, ob die Mannschaft gut genug für ihn ist. Führung ist zuerst einmal Selbstführung.