Du willst Veränderung? Dann hör auf, dich zu verstehen
„Ich weiß ja eigentlich, warum ich so reagiere.“
Diesen Satz höre ich in Coachings ziemlich häufig. Und meistens folgt darauf eine erstaunlich gute Erklärung: Die schwierige Kindheit, die hohen Ansprüche der Eltern, die schlechten Erfahrungen in früheren Beziehungen. Auch der dominante Chef aus dem letzten Unternehmen gehören dazu oder einfach die Tatsache, dass man schon immer besonders sensibel auf bestimmte Situationen reagiert hat.
Alles gut begründet. Alles nachvollziehbar. Und manchmal sogar psychologisch ausgesprochen plausibel. Nur leider hat das Ganze einen kleinen Haken: Eine gute Erklärung ist noch keine Veränderung.
Wir Menschen lieben Erklärungen über uns selbst. Sie geben unserem Verhalten einen Zusammenhang und lassen Dinge, die uns lange rätselhaft erschienen sind, plötzlich verständlich werden. Das kann enorm entlastend sein, denn wer versteht, warum er etwas tut, hat häufig das Gefühl, dem eigenen Verhalten nicht mehr völlig ausgeliefert zu sein. Und genau hier beginnt die Falle. Denn aus „Jetzt verstehe ich, warum ich so bin“ wird manchmal unbemerkt „Jetzt weiß ich auch, warum ich gar nicht anders kann“.
Aus Erkenntnis wird Rechtfertigung.
Aus Selbstreflexion wird Selbstbeschreibung.
Und aus einer hilfreichen Erklärung wird eine ziemlich komfortable Identität.
Nehmen wir jemanden, der immer wieder Schwierigkeiten damit hat, Grenzen zu setzen. Er weiß längst, woher das kommt. Vielleicht hat er früh gelernt, dass Harmonie wichtiger ist als die eigenen Bedürfnisse. Vielleicht wurde Widerspruch in seiner Familie nicht gerne gesehen. Vielleicht hat er irgendwann die Erfahrung gemacht, dass Anerkennung davon abhängig ist, möglichst verträglich zu sein. Das alles kann stimmen. Und es kann ausgesprochen hilfreich sein, diese Zusammenhänge zu verstehen. Aber irgendwann kommt die entscheidende Frage: Was machst du jetzt damit?
Denn der Kollege, der zum fünften Mal kurzfristig etwas bei dir ablädt, interessiert sich vermutlich herzlich wenig dafür, welche Erfahrungen du in deiner Kindheit mit Konflikten gemacht hast. Er wartet lediglich auf deine Antwort. Und genau an dieser Stelle wird Veränderung konkret. Nicht in der nächsten tiefen Einsicht. Sondern in dem kleinen Moment, in dem du trotz deines alten Musters sagst: „Das schaffe ich heute nicht.“
Das ist vielleicht eine der missverständlichen Seiten von Selbstreflexion: Sie kann uns das Gefühl geben, bereits etwas verändert zu haben, obwohl wir lediglich etwas besser verstanden haben. Wir analysieren unsere Muster, sprechen darüber, lesen Bücher, hören Podcasts und erkennen uns in erstaunlich vielen psychologischen Beschreibungen wieder. Plötzlich wissen wir, dass wir konfliktscheu sind, einen hohen Anspruch an uns selbst haben, zu viel Verantwortung übernehmen oder uns nach Anerkennung sehnen. Das alles fühlt sich nach Entwicklung an. Und manchmal ist es das auch. Aber wenn am Montagmorgen im echten Leben wieder genau dasselbe passiert wie am Freitag zuvor, hat sich zunächst einmal nur unser Wissen über das Problem vergrößert. Nicht unser Verhalten. Treffen sich zwei Patienten, die seit zehn Jahren in tiefenpsychologischer Begleitung sind. Fragt der Eine: „Und, hast du dein Problem im Griff? „“Nö“ meint der andere „aber jetzt weiß ich, warum ich so schlecht gelaunt bin.“

Unser Gehirn liebt solche Erkenntnisse übrigens aus gutem Grund. Eine Erklärung reduziert Unsicherheit und schafft ein Gefühl von Ordnung. Wenn wir ein Verhalten benennen können, erscheint es weniger chaotisch und damit kontrollierbarer. Doch das Gehirn verwechselt dabei gelegentlich Verstehen mit Können.
Nur weil ich weiß, warum ich in einem Konflikt verstumme, bedeutet das noch lange nicht, dass ich im nächsten Konflikt den Mund aufbekomme.
Nur weil ich verstanden habe, warum ich Entscheidungen aufschiebe, bedeutet das nicht automatisch, dass ich morgen eine treffe.
Und nur weil ich erkannt habe, dass ich mich ständig an den Erwartungen anderer orientiere, heißt das noch lange nicht, dass ich beim nächsten Mal meine eigenen ernst nehme.
Zwischen Erkenntnis und Veränderung liegt nämlich eine ziemlich unspektakuläre, aber entscheidende Brücke: Verhalten.
Vielleicht brauchen wir deshalb manchmal weniger Selbstverständnis und etwas mehr Selbstversuch. Nicht: „Warum bin ich eigentlich so?“ Sondern: „Was könnte ich beim nächsten Mal anders machen, obwohl ich vermutlich wieder genauso reagieren möchte wie bisher?“ Das ist weniger elegant. Man kann darüber auch deutlich schlechter einen beeindruckenden psychologischen Monolog halten. Dafür hat es einen entscheidenden Vorteil: Es bringt uns vom Beobachten ins Handeln.
Veränderung beginnt nämlich selten damit, dass wir uns irgendwann vollständig verstanden haben. Sie beginnt häufig viel früher – in einem kleinen Moment, in dem wir etwas tun, was nicht zu unserem bisherigen Muster passt.
Der Mensch, der sonst immer sofort zustimmt, bittet plötzlich um Bedenkzeit.
Die Frau, die Konflikte normalerweise vermeidet, spricht ein unangenehmes Thema an.
Der Perfektionist gibt etwas ab, obwohl es noch nicht perfekt ist.
Und derjenige, der sich bisher ständig erklärt hat, hält es einmal aus, dass jemand seine Entscheidung nicht versteht.
Das sind keine spektakulären Persönlichkeitsveränderungen.
Aber genau so entsteht Veränderung.
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung: Wir müssen nicht erst eine endgültige Antwort auf die Frage finden, wer wir sind, bevor wir anfangen können, anders zu handeln.Im Gegenteil. Manchmal entdecken wir erst durch unser neues Verhalten, dass wir gar nicht so festgelegt sind, wie wir bisher dachten.
Vielleicht bist du also nicht der Mensch, der keine Grenzen setzen kann. Vielleicht bist du jemand, der es bisher selten getan hat.
Vielleicht bist du nicht konfliktscheu. Vielleicht hast du Konflikte bisher einfach konsequent vermieden.
Und vielleicht bist du auch nicht „nun einmal so“. Vielleicht hast du nur sehr lange dasselbe Verhalten gezeigt.
Das ist ein kleiner sprachlicher Unterschied mit einer ziemlich großen Konsequenz. Denn was zu deiner Persönlichkeit gehört, erscheint schnell unveränderbar. Was du tust, kann dagegen verändert werden.
Denkimpuls zum Mitnehmen:
Selbstreflexion ist wertvoll. Aber sie sollte irgendwann den Schreibtisch verlassen und ins echte Leben gehen. Wenn du also beim nächsten Mal wieder denkst: „Ich weiß genau, warum ich so bin“, dann gönn dir ruhig einen kurzen Moment der Erkenntnis – und stell dir anschließend eine unbequemere Frage:
„Und was mache ich beim nächsten Mal anders?“
Denn du musst dich nicht vollständig verstehen, um dich zu verändern. Manchmal reicht es, dich einmal anders zu verhalten.