Du bist nicht überfordert - du bist schlecht im Entscheiden
„Mir geht gerade einfach zu viel durch den Kopf.“
Ein Satz, den man inzwischen fast überall hört. Im Büro, beim Abendessen, zwischen zwei Terminen oder morgens um halb acht mit Kaffeetasse in der Hand. Oft gepaart mit einem Blick, der irgendwo zwischen Müdigkeit, Genervtheit und Heulkrampf liegt.
Natürlich leben wir in einer Zeit mit enorm vielen Reizen, Möglichkeiten und Anforderungen. Unser Gehirn verarbeitet heute deutlich mehr Informationen als noch vor wenigen Jahrzehnten, und allein dieser Dauerbeschuss kostet Energie.Neuropsychologisch betrachtet ist unser Gehirn nämlich kein Hochleistungsrechner mit unbegrenzter Kapazität, sondern eher ein sparsamer Energieverwalter.
Entscheidungen kosten Kraft, weil das Gehirn dabei ständig Optionen bewertet, Risiken einschätzt und mögliche Konsequenzen simuliert.Das Problem ist allerdings: Viele Menschen sind nicht deshalb erschöpft, weil sie so viele Entscheidungen treffen. Sie sind erschöpft, weil sie Entscheidungen vermeiden.Das klingt zunächst unfair, fast provokant. Aber slass uns einmal genauer hinschauen:Wie viele Themen schleppst du innerlich mit dir herum, obwohl längst klar ist, dass etwas entschieden werden müsste?
Das unangenehme Gespräch.
Die Aufgabe, die du eigentlich delegieren solltest.
Die Beziehung, die seit Monaten auf Stand-by läuft.
Die Idee, die du angeblich „noch etwas vorbereiten“ musst.
Die Grenze, die du endlich setzen müsstest, aber lieber noch einmal freundlich umkurvst.
All diese offenen Schleifen bleiben im Kopf aktiv. In der Psychologie spricht man vom sogenannten Zeigarnik-Effekt: Unerledigte oder unentschiedene Dinge erzeugen mentale Spannung und binden Aufmerksamkeit. Anders gesagt: Dein Gehirn lässt offene Baustellen nur sehr ungern los. Es erinnert dich immer wieder daran – subtil oder mit der Penetranz eines Rauchmelders morgens um drei.
Und genau deshalb fühlen sich viele Menschen dauerhaft überfordert, obwohl sie objektiv gar nicht zu viel tun. Sie tragen schlicht zu viele unentschiedene Themen mit sich herum.Das Interessante daran: Nichtentscheiden fühlt sich kurzfristig oft angenehmer an als entscheiden.
Wer keine klare Entscheidung trifft, hält sich Möglichkeiten offen.
Wer sich nicht festlegt, muss kein Risiko eingehen.
Und wer Situationen möglichst lange in der Schwebe hält, kann sich wunderbar einreden, dass „noch nicht der richtige Zeitpunkt“ gekommen sei.
Das Gehirn liebt solche Strategien, weil sie kurzfristig Stress reduzieren. Langfristig erzeugen sie allerdings genau das Gegenteil: innere Daueranspannung. Man könnte es auch härter formulieren: Viele Menschen tarnen ständiges Aufschieben mit angeblichem Nachdenken. Sie nennen es Abwägen, obwohl sie eigentlich vermeiden.Sie nennen es Offenheit, obwohl sie Angst vor Konsequenzen haben.Und sie nennen es Überforderung, obwohl ihnen häufig vor allem die Entschlossenheit fehlt.
Natürlich gibt es Entscheidungen, die schwierig sind. Manche haben echte Konsequenzen und verdienen sorgfältiges Nachdenken. Aber erstaunlich viele Alltagsentscheidungen werden nicht deshalb verschleppt, weil sie so komplex wären, sondern weil jede Entscheidung bedeutet, auf etwas anderes zu verzichten. Und genau da beginnt der innere Widerstand.Denn jede klare Entscheidung produziert automatisch ein kleines unangenehmes Gefühl: Unsicherheit. Vielleicht sogar Bedauern. Das Problem ist nur, dass Menschen oft versuchen, dieses Gefühl vollständig zu vermeiden – und sich damit in einen Zustand permanenter mentaler Unruhe manövrieren.Die Ironie dabei: Wer keine Entscheidung trifft, hat trotzdem entschieden. Nur eben für Stillstand, Energielecks und dauerndes inneres Hintergrundrauschen.
Vielleicht besteht mentale Entlastung deshalb nicht nur darin, weniger Termine zu haben oder öfter „Nein“ zu sagen. Vielleicht beginnt sie viel früher – nämlich an der Bereitschaft, Dinge klarer zu entscheiden und die damit verbundene Unsicherheit auszuhalten. Denn Klarheit spart erstaunlich viel Energie.Auch dann, wenn die Entscheidung zunächst unbequem ist.
Denkimpuls zum Mitnehmen: Vielleicht bist du nicht deshalb so erschöpft, weil du zu viele Entscheidungen treffen musst. Vielleicht bist du erschöpft, weil du zu viele Entscheidungen seit Wochen, Monaten oder sogar Jahren mit dir herumschleppst, ohne sie wirklich zu treffen.