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31. Juli 2019

Von Nachträgern und Heimzahlern

Die kurze Wirkung süßer Rache



Nie hatten wir mehr Möglichkeiten unsere Individualität auszuleben als heute. Nie gab es mehr Gelegenheiten, sich in ein positives Licht zu rücken. Erfolgreich sein, gut aussehen, cool bleiben, viele Likes bekommen, unsere Gesellschaft fördert das Bedürfnis nach Anerkennung und Aufmerksamkeit - und zwar in einem Maße, dass hilfreiche Selbstbestätigung leicht zur Egozentrik verkommt.

Je einzigartiger, fantastischer, perfekter wir uns finden, desto sensibler reagieren wir auf Äußerungen unserer Umwelt, die nicht unserem persönlichen Ideal entsprechen. Wir werden anfällig für Kränkungserleben, weil unser psychisches Autoimmunsystem nicht mehr funktioniert. Nachträger und Heimzahler haben keinen Zugriff auf ihre Selbstwert stabilisierenden Systeme. Sie kommen aus der tiefen Betroffenheit nicht heraus, die sie als Angriff erleben. Und je länger sie diese Kränkungswut mit sich herumtragen, desto länger reift auch der Wunsch nach Vergeltung. 

Dazu folgende Geschichte:


Zwei Mönche überqueren auf ihrer Wanderung einen Fluss. Am Ufer wartet eine schöne Jungfrau. Auch sie will ans andere Ufer, aber wagt es nicht, ins Wasser zu gehen. Kurz entschlossen nimmt der eine Mönch sie auf seine Schulter und trägt sie hinüber. Der andere ist wütend, sagt aber nichts. Ständig bohrt in ihm die Frage: "Wie konnte er das tun - als Mönch - eine Frau anzurühren? Und gar tragen? Kennt er nicht die Mönchsgebote?" Tagelang bewegt er seinen Zorn im Herzen. Am Grunde des Zorns aber ist eine tiefe Kränkung und rasender Neid.


Schließlich erreichen die beiden ihr Ziel - das Kloster ihres Meisters. Der eifersüchtige Mönch kann es kaum erwarten, dem Meister zu berichten, dass der andere eine junge Frau über den Fluss getragen hat. Der Meister antwortet: "Er hat sie am anderen Ufer abgesetzt, du aber trägst sie noch immer."


Wenn wir uns massiv in unserem Selbstwert verletzt fühlen, wenn unsere Reaktion weit über das Ziel hinausschießt und destruktiv wird, kann sich dahinter eine narzisstische Kränkung verbergen.  Das an sich gesunde Kompensationsverhalten ("haut mich nicht um") wird überkompensiert ("Der Sau zahl' ich es heim"). Ich nennte die Nachträger und Heimzahler auch Rabattmarken-Kleber: Sie vergessen nichts, tragen ihre Kränkung mit sich herum und warten auf die passende Gelegenheit, um das Rabattmarkenheft einzulösen. Einzig mit dem Ziel, sich selbst über die anderen zu erheben. Die süße Rache wirkt kurz: Immer mehr Beziehungskredit geht verloren, es gibt nie genug Bestätigung.

Kränkungen sind wir nicht ausgeliefert. Wir ermöglichen sie erst! Narzisstische Kränkungen zeugen von einer extrem hohen Empfindlichkeit und starken Selbstwertzweifeln. Der Weg aus dieser Mühle führt über die Arbeit an Selbstbild, Selbstwert und Selbstbewusstsein.